Kritik an der destruktiven Dynamik im feministischen Diskurs

Wenn man im aktuellen feministischen Diskurs so etwas sagt wie:“Und was ist mit den Männern? Die erfahren auch Gewalt!“ dann wird das als „whataboutism“ wahrgenommen. Als Ablenkungsstrategie um Ungerechtigkeiten gegen Frauen zu relativieren. Und so wird es auch oft verwendet, aber dafür kann dieses wichtige Thema ja nichts. Wir müssen einen neuen Zugang dazu finden, weil das Thema als reines Argumentationswerkzeug von Machos wahrzunehmen, stellt es als unberechtigt dar und man geht seinem eigenen Denken auf den Leim. Nämlich dem Denken, dass Männer im Patriarchat prinzipiell Täter sind und Frauen die Opfer.
Auf der einen Seite wird das Thema Gewalt gegen Männer von Machos instrumentalisiert um den Feminismus als unberechtigt darzustellen und auf der anderen Seite wird das eigentlich unschuldige und wichtige Thema als reines Instrument des Angriffs gesehen.
Man sollte Gewalt an Frauen und Gewalt an Männern auf keinen Fall als Konkurrenten ansehen, denn in den Themen selber steckt keine Intention, kein Zweck. Das Problem Gewalt von Frauen an Männern ist real und existiert ohne Absicht und ohne Intention, ob es nun instrumentalisiert wird oder nicht. Und wenn nach diesem Satz feministische Wut getriggert ist, dann sollte man erst recht weiter lesen.
Man sollte das Thema unverstellt angehen und die Ambivalenzen aushalten, die es vielleicht in den eigenen Feminismus bringt. Ein berechtigter Feminismus lässt sich durch Ambivalenzen sowieso nicht aus der Ruhe bringen, sondern nur erweitern und beweglicher machen.
Der Text hier ist auch mehr als nur ein Angriff auf eingebildete Strohpuppen, er ist primär eine Kritik an der eigenen Ideologie, denn die hat mir in meiner Realitätswahrnehmung schon im Weg gestanden, in einer Weise, dass ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen.
Weil ich kannte mal jemanden, also einen Mann, der allem Anschein nach sexuell missbraucht wurde, und zwar von einer Frau. Ich glaube er wurde missbraucht und ich habe in keinster Weise gut darauf reagiert, weil die Situation zu weit weg von meiner Realität war. Ich kannte Phrasen für eine solche Konstellation, aber die kamen nicht über ihre eigene Schablonenhaftigkeit hinweg. Irgendetwas in mir konnte damals nicht wirklich begreifen, dass ein Mann Opfer sexuellen Missbrauchs geworden war.
Ich glaube, dass auch ein Mechanismus des aktuellen Feminismus das begünstigt hat. Der Mechanismus, dass Frauen als Opfer und dass Männer als Täter wahr genommen werden.
Es gibt natürlich immer wieder Stimmen im Feminismus, die sagen „Männer dürfen auch weinen“ oder „Männer dürfen auch Opfer sein.“ aber es kommt mir vor, als seien das Querschläger, in die Leere gerufene Sätze. Denn Männer dürfen Vielleicht Opfer sein, aber sie werden trotzdem primär als Täter wahr genommen. Sie dürfen Opfer sein, aber nur von ihrer eigenen toxischen Maskulinität, an der sie ja irgendwie selber Schuld sind und die ja auch für Frauen schlecht ist. Das benennen von toxischer Maskulinität, also Machotum, ist ja nicht mal schlecht. Wenn Männer sich gegenseitig im männlichen Wettkampf das Leben schwer machen, dann ist die Aussage, sie dürfen auch Opfer sein, von Feministinnen ja durchaus angebracht. Aber trotzdem sind sie in der Wahrnehmung immer noch Täter, selbst wenn sie Opfer von toxischer Maskulinität sind. Sie sind dann Täter an sich selbst, oder Täter an anderen Männern. Soweit, so ins Bild passend.
Aber genau darum geht es mir: Um das Bild. Und darum, dass der Blick, der Männer primär als Täter sieht, sie in dieser Rolle festschreibt und Frauen umgekehrt in ihrer Rolle als Opfer. Dieses Bild kann die Realität schwarz-weiß malen, maßlos überzeichnen und damit das Gegenteil von dem bewirken, was es eigentlich bewirken möchte. Hinter Bildern können Aspekte der Realität verschwinden, in dem sie zuerst unsichtbar und dann unvorstellbar und unsagbar werden. Diese verschwundene Realität ist dann eine Realität ohne ein Klischee, ohne ein Bild, ohne Geschichte oder Assoziation. Sie kann dann nirgendwo in der Vorstellung der Menschen andocken, sie macht keinen Sinn und findet keinen Platz. Nach meinem Empfinden ist genau das Thema Gewalt von Frauen an Männern so ein blinder Fleck, eine Realität ohne Geschichte.
Der Feminismus hat dabei den Part, dass er unentwegt ein anderes Bild nachzeichnet. Ein berechtigtes, ein ebenso reales. Aber damit schreibt er Verhältnisse auch automatisch fest. Klar, das macht auch Sinn. Ein Aufruf zur Veränderung braucht eine Bestandsaufnahme.
Nur wenn ich sehe, dass Frauen oft Opfer sind, gebe ich ihnen eine Berechtigung für den Kampf und das Befreien aus einem Opfersein.
Nur wenn ich sehe dass Männer oft Täter sind, kann ich mich berechtigt gegen sie wehren.
Aber wenn ich nur diesen Aspekt der Realität sehe und genau in dieser Position verharre, und das tut der aktuelle Feminismus meiner Meinung nach (aus ganz bestimmten Gründen) dann zeichne ich eine Realität, in der es unmöglich ist, dass Männer Opfer sind und dass Frauen Täter sind. Man spitzt die Realität auf einen Aspekt zu. Das ist hilfreich für einen Kampf, für eine Veränderung. Gleichzeitig ist die logische Konsequenz daraus, dass andere Aspekte der Realität unter den Tisch fallen können. Aber die Zuspitzung und Überzeichnung der Realität muss nicht zwangsweise ein Nebeneffekt sein, man kann auch aktiv dagegen angehen und trotzdem den Feminismus nicht aus dem Blick verlieren. Man kann den Blick einfach erweitern und Dinge nebeneinander stellen, ohne zu relativieren. Sexismus existiert und funktioniert zwar, doch gleichzeitig haben tausend andere Dinge einen Einfluss darauf, wer in einer Begegnung Macht hat und wer nicht. Die vielfältigen Aspekte, die uns in Beziehung zueinander stellen, stehen sich nicht in Konkurrenz oder im Widerspruch gegenüber. Sie existieren unbehelligt nebeneinander und nehmen sich nichts an Relevanz. Ein weiterer Punkt, wie man den Feminismus aus dieser Falle der Festschreibung und Reproduktion von Sexismus kriegt ist, indem man mehr in den Fokus nimmt, welche Handlungsoptionen Frauen in Situationen von Sexismus haben.
Denn Frauen von vorneherein als passiv, als gefangene einer Machtstruktur zu sehen, ist nichts weiter als Sexismus.
Es ist sexistisch, wenn mir jemand besonders viel Bewunderung schenkt, weil ich etwas mache, obwohl ich eine Frau bin. Ich schieße ein Tor, obwohl ich eine Frau bin, cool. Ich trinke viel Bier, fahre gut Auto, esse viel, rauche viel, cool.
Frauen sind nicht halb so passiv wie der aktuelle Feminismus sie wahrnimmt, Frauen können richtige Arschlöcher sein, und richtige Engelchen.
Wenn sie Engelchen zu Machomännern sind oder andere Frauen schlecht machen, wenn sie unten treten und oben buckeln, dann tragen Sie selber aktiv etwas zur Machtverteilung im Patriarchat bei. Außerdem, sobald Frauen Handlungsoptionen haben und diese nicht nutzen, aus welchen Gründen auch immer, dann sind sie sozusagen aktiv passiv. Wenn man als Frau passiv bleibt, obwohl man aktiv sein könnte, dann ist man am Ende sowohl Spielball der Situation als auch Opfer der eigenen Gleichgültigkeit oder wie auch immer begründeten Passivität.
Auf der anderen Seite: Kann ich mich in einer Situation von zum Beispiel Belästigung nicht wehren, dann muss das natürlich gesehen werden. Dann muss es benannt werden samt Gründen und Voraussetzungen und natürlich darf man in jeder Situation in der man unfähig war sich zu wehren, Mitgefühl und Verständnis erwarten, hoffentlich Hilfsbereitschaft und im besten Falle die Inspiration, das nächste mal für sich selber stärker zu sein. Egal wie schwer das sein mag, genau darum geht es bei Selbstermächtigung: Man nimmt sich die Macht und Kontrolle, gerade weil man sie noch nicht hat und obwohl es schwierig ist, tut man es trotzdem. Die aktuelle Debatte erfüllt den einen Aspekt in meinen Augen auch sehr gut. Sie ist sehr verständnisvoll den Frauen gegenüber und beschreibt subtile Machtverhältnisse und auch immer wieder Muster der toxischen Weiblichkeit (Selbstverleugnung, Gehorsam, Gefallsucht) aber er zieht daraus leider keine Konsequenzen für die Frauen, sondern nur für die Männer. In einer Überbetonung der Äußeren Verhältnisse wird die Verantwortung von der Frau abgelenkt, die deshalb ganz ohne Kraft und Verantwortung nichts mehr machen kann, als sich zu beschweren und Solidarität von anderen Frauen zu erhalten. Das ist meiner Meinung nach nett gemeint, aber überhaupt nicht zielführend. Außerdem werden Männer als alleinige Täter dieses oft auch wechselseitigen Verhältnisses identifiziert. Damit meine ich nicht, dass Gewalt ein wechselseitiges Verhältnis ist, sondern dass Frauen auch oft aktiv eine Rolle der Schwäche einnehmen in Situationen, die nicht mit Zwang verbunden sind. Dass Männer sehr schnell als Täter wahr genommen werden, liegt übrigens meiner Meinung nach daran, dass man versucht verschiedenste Situationen auf das Prinzip des Patriarchats zurück zu führen. Man führt eine Vergewaltigung auf das gleiche Prinzip zurück, wie eine verbale Belästigung oder eine unangebrachte Hand auf dem Knie.
Aber nur weil etwas aus dem selben Prinzip hervorgeht, heißt es nicht dass es gleich ist. Damit sich im Empfinden nichts vermischt, muss man aktiv differenzieren.
Nur weil ein ekliger Blick dem selben Sexismus entspringt wie körperliche Übergriffigkeit, kann ich das eine mal von einer Täter-Opfer-Konstellation reden und das andere mal nicht. Wenn man das Patriarchat beschreibt, so wie zum Beispiel Margarete Stokowski oder Caroline Rosales in ihren Büchern, oder auch ich in meinem ersten Text, dann beschreibt man ein System aus Ungleichheiten.
Frauen werden vergewaltigt, missbraucht, Frauen werden belästigt, Frauen wird hinterher gepfiffen, Frauen werden unangemessen angestarrt und belächelt. Dabei hängen die einzelnen Punkte miteinander zusammen, sie sind Ausdruck ein und derselben Objektfizierung. Obwohl die verschiedenen Ausdrücke der Ungleichheit im Prinzip miteinander verbunden sind, haben sie nicht das gleiche Resultat für Frauen und sind sicherlich nicht von der selben Qualität.
Es ist richtig zu sehen, dass die Dinge miteinander zusammen hängen, aber es ist gefährlich das Label des Opfers inflationär zu verteilen. Das meine ich ganz im Sinne der Frau. Denn ein Opfer kann sich nicht wehren, das ist die Essenz des Opfer seins.
Auf der anderen Seite ist es auch destruktiv das Label des Täters inflationär zu verteilen. Auch hier ist es so, dass Vergewaltigung und Missbrauch, sexistische Sprüche oder ein Belächeln der selben objektifizierenden Wahrnehmung entstammen.
Trotzdem ist ein Mann der mich eklig anglotzt kein Täter, diese Macht will ich ihm auch gar nicht künstlich geben. Ich möchte mich nicht künstlich unter ihn stellen. Natürlich ist es so, dass man als Frau eher lernt den Mund zu halten zum Beispiel wenn man eklig angemacht wird. Man möchte nett und freundlich wirken, vielleicht weiblich. Aber dann ist genau an dieser Stelle die Emanzipation gefragt. Ein dummer Spruch zurück, eine Beleidigung, zumindest mal ein Grenzen ziehen.
Wird die Frau in unklaren Situationen, in denen sie sich hätte wehren können, bei missglückten Flirts sofort als Opfer wahrgenommen, dann klebt an ihr eine Wahrnehmung, die genau so sexistisch ist, wie irgend ein Typ der ihr einen ekligen Spruch drückt. Sie wird dann nicht nur als Opfer eines blöden Spruchs wahrgenommen, sondern als Opfer des Patriarchats. Der Täter ist in diesem Fall nicht nur ein blöder Sprücheklopfer, sondern er ist das böse Monster des Patriarchats. Ein übermächtiges, bärtiges, Biertrinkendes Stereotyp. Der Mann kann nun folgendermaßen auf seine Zuschreibung als Täter reagieren: Er kann ein übermäßig schlechtes Gewissen entwickeln oder er kann den Vorwurf übermäßig stark abwehren. Auch das übermäßig schlechte Gewissen kann eine unerwartete Wendung nehmen, nämlich dass gerade daraus wieder sexualisierte Gewalt entsteht.
Um kurz in diese Logik einzutauchen: Die Person, bei der ich mich wie ein potentieller Täter fühle, muss abgewertet werden. Sie muss meine empfundene Schlechtheit neutralisieren, in dem sie schlimmer, schrecklicher, wertloser ist als meine gefährliche Sexualität.
Eine andere Auswirkung davon, wenn ich Männer inflationär als Täter wahr nehme, ist dass ich ihnen dadurch künstlich sehr viel Macht gebe.
Der Mechanismus, der dem Sexisten überhaupt erst seine Macht gab, klebt immer noch an uns, wenn wir hervorheben, dass es sie gibt. Das ist so wie Wasser, das man mit Wasser einfach nicht abwaschen kann. Durch die Hervorhebung von Machtverhältnissen, werden diese Reproduziert.
Außerdem kommt es mir so vor, als läge in dem Ausnutzen dieser festgestellten patriarchalen Macht des white-cis-man, das eigentliche Verbrechen. Ob er mir hinterher pfeift oder mich dümmlich anmacht, er ist Teil des Patriarchats, er hat eine Geschichte und unzählige patriarchale Kulturen im Rücken und aus dieser Stärke heraus agiert er, der Mann, der Mythos, der Patriarch.
Der blasse, dünne Typ, der nach billigem Rasierwasser stinkt, wenn er mich in der Kneipe einfach so angrabscht, oder auf der Straße oder im Bus.
Er fühlt sich wahrscheinlich wie ein extrem geiler Ficker, wenn er das macht. Beschwingt von seiner machohaften Dreistigkeit, voller Aggression und Herrschaftswillen. Aber genau diesen Sockel will ich ihm nehmen, also dem metaphorischen Macho. Ich will seinen Pickel auf der Stirn wahrnehmen, seine abgekauten Nägel, sein geschmackloses Tattoo oder eine aufblitzende Unsicherheit.
Ich will, dass er keine patriarchale Macht mehr hat. Wer auch immer er ist, der sie sich einfach nimmt. Dagegen hilft nur, sie zu verneinen, sie zu vergessen, sie zu ignorieren. Sie klein zu reden, sie klein zu schreien, durch sie hindurch zu sehen. Nur aus einem Moment der Gleichheit oder des Mutes heraus, ist es mir Möglich, seine Hand weg zu schubsen, ihn weg zu schubsen mir Respekt zu verschaffen, ihm vielleicht Angst zu machen.
Der metaphorische Macho ist kleiner als ich und außerdem blöd und primitiv, vielleicht bin ich sogar körperlich stärker als er? Und zur Not weiß ich immer noch wo sich seine Eier befinden, um ihm da rein zu treten.
Ich habe wirklich wenig Lust Männer noch größer zu machen als sie sind. Sollte man nicht einfach dieses Patriarchat löschen, in dem man es verneint, sobald es da ist? Sobald es sich in einem selber befindet also im eigenen Gefühl, oder ganz real in der Bar neben einem, oder in der Schule? Vielleicht bin ich viel gebildeter, größer, schöner und tausend mal machtvoller als irgendein selbst ernannter krasser Gangster Ficker. Aber natürlich nur wenn ich das wahrnehme, natürlich nur wenn ich ihn nicht von vorneherein als privilegierten und mächtigen Mann wahrnehme, dem die ganze blutige Menschheitsgeschichte an den großen Händen klebt und den Rücken stärkt. Und natürlich nur, wenn ich mich selber nicht als arme Frau wahr nehme, mit einem kulturhistorisch eingetrichterten unausweichlichen Opfersein, das der Cis-white-man so böswillig ausnutzt.
Ich sage nicht dass all das prinzipiell immer unwahr ist, ich sage nur dass die ständige Aktualisierung dessen das Gegenteil von Emanzipation hervorbringt. Und dass gerade in Situationen in denen Frauen Handlungsoptionen haben, diese ihnen von vorneherein genommen werden, wenn eine Bewegung, die Frauen emanzipieren soll, sich ständig nur damit beschäftigt was und warum Frauen Dinge nicht können. Als würde sie eine Passivität der Frauen entschuldigen, anstatt sie zu kritisieren.
Frauen müssen aggressiver werden und zwar nicht in dem sie den Männern öfter sagen, dass sie Täter sind, sondern in dem sie lernen Grenzen zu fühlen, zu setzen, zu verteidigen und die Grenzen der anderen auszutesten um aktiv und lebendig zu sein.
Das Opfersein, das eigentlich nur eine Bestandsaufnahme sein soll, hat meiner Meinung nach eine Eigendynamik entwickelt, welche das Patriarchat stützt, anstatt stürzt. Frauen sind oft genug Mittäterinnen und wenn wir das nicht sehen, dann sprechen wir den Frauen schon wieder ihre Kraft und ihren Einfluss ab. Ich glaube das Opfersein erhält sich so gut im aktuellen dritte Welle Feminismus, da es auch neben dem Selbstzweck einer Aufrechterhaltung einer bequemen Identität, einen weiteren Zweck erfüllt. Nämlich, dass es Feministinnen in die Hände spielt, die einen starken Staat fordern. Die Debatten werden radikaler und individuelle Verantwortung wird geleugnet, gerade wenn die Feministinnen kommunistische Ideen oder Ansätze haben, die aber scheinbar nicht von unten sondern von oben verwirklicht werden sollen.
Sie fordern schärfere Regeln von Institutionen, die Regeln müssen weiter ins Privatleben eindringen, damit die schwachen Frauen ausreichend vor männlichen Tätern mit ihren übermächtigen Privilegien geschützt sind.
Natürlich ist es wichtig zu sehen und zu bemerken, wie oft und wie alltäglich Belästigungen sind und dazu hat zum Beispiel #metoo auch beigetragen. Aber dann darf man an diesem Punkt nicht stehen bleiben, und schon gar nicht wegen daraus folgenden Ohnmachtsvorstellungen und Gefühlen Sehnsucht nach Autoritäten entwickeln.
Die Passivität der Frauen ist ein Problem, das stellt der dritte Welle Feminismus auch irgendwie fest. Aber in der selben Bewegung fordert er deshalb das Halten der übermächtigen Männer an Regeln, als würden die sich erziehen lassen durch moralische Forderungen. Sie, die doch so übermächtig sein sollen.
Wenn wir im Feminismus wieder anfangen die Rolle der Frau als eine aktive Rolle zu begreifen, denn das wurde sie zum Beispiel in der zweiten Welle des Feminismus (unter anderem von Simone deBeauvoir) als eine Stütze des Patriarchats, nur wenn wir uns trauen uns selbst zu kritisieren sehen wir uns wirklich als Subjekt und tun uns einen Gefallen. Nur wenn wir Passivität als unseren verinnerlichten Fehler erkennen, können wir uns letztendlich emanzipieren. Nur wenn wir die verschleierte Aktivität der Frau innerhalb des Patriarchates sehen, wenn wir ihre Handlungsoptionen und Handlungsweisen erkennen, erst dann wird auch ganz nebensächlich ein männliches Opfer weiblicher sexueller Gewalt denkbar. Denn dann schlüpft frau in eine aktive Rolle und die Festschreibung ist durchbrochen. Wenn eine Frau primär als ausgeliefertes Objekt männlicher Machtausübung wahrgenommen wird, dann nimmt der Feminismus sich damit selber gefangen. Wenn man die Frau nicht als aktive Mitgestalterin des Patriarchats wahr nimmt und die Frau ein passives Lamm ist, dann würde ein missbrauchter Mann sich den Missbrauch ja quasi selber antun, oder er wäre eben gar nicht existent. Und die Existenz von Schmerz und Trauma zu leugnen oder zu ignorieren, ob extra oder nicht, ist wohl das schlimmste was man jemand traumatisiertem antun kann. Egal aus welchen verworrenen Gründen es passiert. Natürlich auf beiden Seiten.

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Feministische Kritik zu „Körper und Seele“ einem Film von der Regisseurin Ildikó Enyedi

Achtung, Spoileralarm!
Ildikó Enyedi ist die Regisseurin von „Körper und Seele“ und ist eine Frau. Nichts desto trotz ist die „Liebesgeschichte“ in dem Film, der im September 2017 erschienen ist, keine Liebesgeschichte, sondern eine Geschichte von Abhängigkeit und Gehorsam, verpackt in vermeintliche Romantik.
Ich habe mir den Film angeguckt, weil ich über die Film Musik darauf gestoßen bin. Das Lied „What he wrote“ von Laura Marling ist wunderschön und sehr traurig und bekommt in dem Film eine ganz eigene Rolle. Es ist das einzige Lied, das die Hauptfigur María berührt. Sie ist eine holzige, schüchterne Autistin, die mit ihren Bewältigungsmechanismen große Innere Arbeit leistet und ein extrem schwieriges Leben hat. Auch ist sie die absolute Sympathieträgerin in diesem Film. Am Ende geht es aber leider nicht um sie, sondern am Ende des Filmes geht es nur noch um Endre, den Mann in dieser „Liebesbeziehung“.
Was ich auch faszinierend fand, ist dass die Sängerin des Liedes also Laura Marling, der Schauspielerin Alexandra Borbély sehr ähnlich sieht. Die Haare, das Gesicht, die Körperhaltung und die Art der Bewegungen. Sie haben beide diese perfektionistische Steifheit einer Porzellanpuppe. (Am Ende des Textes sind Bilder von den beiden.)
Genauso ähnlich sind sich meiner Meinung nach auch die Essenz von „Körper und Seele“ und die Essenz des Liedes „What he wrote“. Mit dem Unterschied, dass das Lied ein trauriges Klagelied ist und der Film eine romantische Geschichte mit Happy End zeigen soll.
Hier sind ein paar Zeilen aus dem Lied, die meiner Meinung nach besonders deutlich machen was für eine Art Beziehung besungen wird.

„So holy light shines on the things you have done
So I asked him,
How he became this man?
How that he learned,
To hold fruit in his hands?
And where is the lamb, that gave you your name?
He had to leave, though I begged him to stay
Left me alone, when I needed the light
Fell to my knees, and I wept for my life“

Es geht relativ offensichtlich um eine klassisch asymmetrische Abhängigkeitsbeziehung mit einer abhängigen Frau und einem unabhängigen Mann. Laura Marling singt in der ersten Zeile von ihrer Tendenz seine schlechten Taten zu idealisieren und der Mann den sie besingt ist einer, der etwas in der Hand hält, eine Frucht. Es ist ein kraftvolles Bild von einem Mann, der etwas unter Kontrolle hat, etwas besitzt, das dazu auch noch lecker, süß und nahrhaft ist.
Die Frucht kann alles mögliche sein aber wegen dem Kontext des Liedes ist es denke ich eine Selbstbezeichnung der Sängerin. Beziehungsweise des lyrischen Ichs der Sängerin.
Das Bild der Frau als Frucht ist übrigens etwas, das sich immer wieder finden lässt und es ist keine Neuerfindung von mir. Ich empfinde es als sowas wie einen kulturellen Code, eine typische Symbolik, aber vielleicht ist das zu viel gesagt.
Spontan fällt mir aber dazu das Gedicht „an seine Spröde“ von Goethe ein, wo es um eine reife Pomeranze geht, die aber einfach nicht vom Baum fallen will. Der Titel suggeriert hier eindeutig, dass eine Frau gemeint ist.
Auch der Satz „Wo ist das Lamm, das dir deinen Namen gab?“ trägt eine relativ eindeutige Botschaft. Lämmer sind schwach und unschuldig und sie werden zur Schlachtbank geführt, wehren sich dabei nicht und sind die perfekten Opfer.
Das Lamm gab ihm also seinen Namen und definierte ihn, sehr wahrscheinlich als einen Täter. Im Refrain wird nämlich auch gesungen, er habe ihr die Zunge rausgeschnitten, war also gewalttätig und hat ihr die Stimme geraubt.
Das Lied beinhaltet in seiner Täter-Opfer Dynamik eine klassisch patriarchale Subjekt und Objekt Aufteilung. Denn auch beim Verhältnis von Täter und Opfer geht es letztlich um das Verhältnis des Aktivseins und des Passivseins. Das Opfer wird zum ultimativen Objekt gemacht, in dem seine Wünsche und seine Integrität missachtet werden, als seien sie nicht existent. Der Täter tut und das Opfer erleidet.
In dieser Liebesgeschichte, die meiner Meinung nach schön anfängt kommt es irgendwann zu einem Punkt, wo sich genau dieses Verhältnis vom Subjekt und Objekt zwischen den beiden Protagonisten auch abspielt und zwar auf eine Weise, die dabei als Romantik interpretiert wird.
Die Figuren María und Endre sind zwei Außenseiter die sich ineinander verlieben.
Dabei sieht María wunderschön aus, ist mindestens 10, wenn nicht 20 Jahre Jünger als Endre, der wirklich nicht gut aussieht. Die beiden kommen darüber in Kontakt, dass sie die gleichen Dinge träumen und sich als Protagonisten in ihren Träumen treffen. Total süß, also sie haben eine spirituelle und tiefe Verbindung.
María ist wie gesagt Autistin und hat Probleme mit Nähe und vor allem mit Romantik und Berührungen, was sie ihm von Anfang an klar macht.
Als die beiden sich irgendwann nach endloser Staksigkeit und Schüchternheit angenähert haben, einen schönen Abend haben und das Eis langsam schmilzt, will Endre sie anfassen.
Als María intuitiv zurückweicht haut Endre ab und sagt er könne das alles nicht.
Da frage ich mich, was er nicht kann. Die ganze Annäherung war ein schwieriger Prozess, den sie zu zweit durchlebt haben, auch Endre war holzig und unnahbar. Die Beziehung ist langsam gewachsen, alleine schon das Reden und Lachen haben sie sich mühsam zu zweit aufgebaut und nun hält er es nicht aus dass ihm alles andere nicht sofort mitserviert wird? Er hält es also nicht aus, dass ihr Wille nicht da ist? Ist er so traurig, dass sie Angst hat? Nein, natürlich ist er nicht traurig. Denn es geht ihm nicht um ihren Willen, es geht ihm darum, dass er Sex will und aus irgendeinem schleierhaften Grund davon ausgeht, dass ihm das nun zusteht. Es scheint als würde er auf einmal mit Maßstäben kommen, die in ihrer kleinen Zusammenkunft die ganze Zeit nichts verloren hatten. Sie haben von Anfang an Konventionen gebrochen und hatten immer nur ihre Gegenseitigkeit als Maßstab. Nie ging es darum, etwas zu tun nur weil es normal ist. Sie waren in einem schlechten, leeren Restaurant, dann in einer abgeranzten Chinanudelbude. Sie haben die selben Träume geträumt und haben beide in der absurden Parallelrealität eines Schlachthofs gearbeitet. Nichts an dem Kennenlernen der beiden war normal, sie haben sich auf einer unnormalen Ebene ganz unkonventionell angenähert, und waren dabei beide seltsam und einsam. Und nun soll sie plötzlich servieren, weil das ja normal ist? Oder weil er das will? Wo ist ihr Wille? Ist das nicht-wollen nicht auch ihr legitimer Wille? Würde sie sauer werden, weil er Wünsche hat, die sie nicht nachvollziehen kann?
Nein, das wäre absurd.
Auf jeden Fall verlässt er sie, nachdem die zwei endlich einen Zugang zueinander gefunden haben. Er sucht sich auch sofort eine Sexpartnerin (die Männer müssen halt manchmal Druck ablassen, scheint der Film uns zu sagen). Aber diese Sexpartnerin kann er anscheinend auch überhaupt nicht leiden. Er will sie nach dem Sex raus schmeißen, aber wir als Zuschauer verstehen das ja, denn gegen die schöne, unschuldige María in die Endre verliebt ist, kommt die namenlose Frau natürlich nicht an. Endre ist halt ein einsamer Wolf und als Zuschauer hat man dafür Verständnis. Tief drinnen ist er ja auch unglücklich verliebt, der arme. In eine Autistin, die nicht mal das Mindestmaß an Sex kann, schade.
María spricht unter dessen mit ihrem Therapeuten und es wird klar, dass sie nun Berührungen lernen möchte und ihre Ängste, die damit zusammenhängen, abbauen will.
Sie will Endre zurück gewinnen und da sie weiß was er möchte, bereitet sie sich darauf vor es ihm zu bieten.
Die Szenen wie sie sich an Berührungen annähert sind schön. Sie fasst Kühe an, streichelt ein Kuscheltier, grabscht in Kartoffelbrei und legt sich auf eine Wiese auf der dann Rasensprenger angehen. Man sieht wie ungewohnt das körperliche Empfinden und bewusste Berühren für sie sind.
Auf ihre holprige Art lässt sie jedenfalls Endre bald wissen, dass sie für ihn bereit ist, dass sie schnell gelernt hat wie es geht, doch er hat schon Abstand gewonnen.
Mit seiner Zurückweisung kommt sie nicht zurecht, denn er war ihr einziger Weg aus der Einsamkeit. Sie beschließt also ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie legt das Lied „What he wrote“ auf. Das extrem traurige Lied über Abhängigkeit, Gewalt und weibliche Selbstverleugnung. Sie legt sich in die Badewanne, man lauscht dem Lied und sie schlitzt sich die Arme auf.
Autsch. Schock. Trauer. Wieso Sie? Sie ist so toll, sie soll nicht gehen! Sie ist die beste, sie ist eine schöne, verwirrte Eisprinzessin, sie soll Leben!
Und dann, da wir uns in einem Film befinden, ruft genau in diesem Moment Endre an und sagt ihr nach einigem Rumgedruckse, dass er sie liebt, während sie immer noch mit jedem Herzschlag Blut verliert. Ohoh dramatisch. Sie taped sich noch in ihrer Wohnung ihre blutende Wunde, fährt dann ins Krankenhaus und fährt direkt danach zu ihm. Bei ihm haben sie dann Sex. Beziehungsweise er hat Sex mit ihr. Es gibt Nahaufnahmen der beiden Gesichter, sie ist regungslos und beobachtet ihn, aber dass sie regungslos ist, ist egal. Denn sie ist hübsch. Der alte Mann kommt, sie bleibt starr. Romantisch oder? Sie hat sich gerade den Arm aufgeschlitzt, weil er sie aus dem Grund verlassen hat, dass sie Angst vor Berührungen hatte. Der Arm muss höllisch weh tun, sie hat viel Blut verloren und er hat Sex mit ihr während sie ihn dabei regungslos anstarrt. Endlich geht alles in geregelten Bahnen. Ist das diese Romantik?
Warum war er nicht einfach ihr Kartoffelbrei, ihr Rasensprenger, ihr Ikea Kuscheltier? Warum war Sex so wichtig, dass auf einmal alle Regeln und alles unkonventionelle und intime der Beziehung egal war? Es ging nicht darum, dass er ihr ohne Sex nicht nahe sein konnte. Wäre es ihm um Nähe gegangen, hätte er ihre Angst vor Körperlichkeit primär als ihre Angst wahrgenommen und nicht als sein Hindernis.
So wie er vorher alle anderen Macken von ihr als das wahrgenommen hat.
Aber es ging ihm nicht um Nähe, sondern um das Durchsetzen seiner Ansprüche.
Warum sieht sie aus wie eine Porzellanpuppe während er sich an ihr befriedigt? Ja schon klar, sie sieht immer aus wie eine Porzellanpuppe. Aber genau das hatte sich gelegt als die zwei ihren ersten vertrauten Abend hatten. Aber es ist wieder da und ihre Regungslosigkeit ist auffällig. Aber die Regungslosigkeit ist auch okay, denkt man als Zuschauer, weil sie ist ja Autistin und kann sowas nicht so gut. Dass sie vielleicht nicht genug Berührungen geübt hat, soll die Szene nicht vermitteln, obwohl sie daliegt wie eine Puppe und das eigentlich ein nahe liegender Gedanke ist. Aber in der Szene scheint man kein Interesse für sie zu haben, sondern für ihn. Oder für sie aus seiner Sicht. Er bekommt nun das was er will und sie? Dass sie nun Sex hat, wirkt wie eine mutige Entscheidung. Aber es ist eine Entscheidung gegen ihre eigene Person, gegen ihre Subjekthaftigkeit, gegen ihren Willen. Denn eine Person die Sex will, drückt Lust aus, egal ob sie autistisch ist oder nicht. Auch die Figur der María innerhalb des Films. In der Szene mit dem Rasensprenger zum Beispiel lacht sie, da ihr das Gefühl des Wassers gefällt. Sie ist also natürlich in der Lage ihre positiven Gefühle auszudrücken, aber sie drückt absolut nichts aus, während Endre Sex mit ihr hat.
Die letzte Szene des Films ist soweit ich weiß das gemeinsame Essen am Frühstückstisch. Die Stimmung ist gelöst, das Wetter ist gut, die Liebe hat gewonnen, die beiden sind ein Pärchen. Sie ist endlich zu einer richtigen Frau geworden und dass sie die Tomaten auf ihrem Brot platziert als wäre sie eine Konditormeisterin, dass sie mikroskopisch kleine Krümel vom Frühstückstisch fegt, wirkt nur noch wie eine liebenswerte Macke.
Was ich sehr bemerkenswert an dem Film finde ist, dass er nicht nur diese Geschichte genauso erzählt, während er sie anders interpretiert, sondern dass auch das Drama, das eigentlich in der Geschichte steckt, im Subtext mitgeliefert wird.
Das Drama, dass sie sich ihm zur Verfügung stellt, anstatt dass sie sich gemeinsam annähern. Es steckt im Text des Liedes, das explizit Raum in dem Film bekommt, als ihr Lieblingslied, das auch noch spielt während sie sich die Arme aufschlitzt und in dem es um eine ungesunde Beziehung, weibliche Selbstverleugnung und die Verblendung von schlimmen Taten geht. Entweder ist das Lied ein Hinweis darauf, dass der Film nie romantisch gemeint war oder das Traurige des Liedes wird gleich mit romantisiert. Ich glaube letzteres.
Es kommt mir vor als würde die Erotik gerade auch durch diesen problematischen Subtext mitschwingen, auch wenn ich das nicht genau sagen kann, weil ich den Film ab dem Moment scheiße fand, als er sie aus besagtem Grund verlassen hat.
Der Film wurde in breiter Masse als romantisch aufgefasst und das zeigt uns vor allem, dass weibliche Selbstverleugnung eine legitime Vorstellung von Romantik ist und dass es das normalste und berechtigste der Welt ist, dass der Mann einen Anspruch auf sexuelle Befriedigung hat. Nein, nicht nur Männer drehen solche Filme, diesen super geilen Film hat sich eine Frau ausgedacht.
Dieser Film hat mich übrigens so aufgeregt, weil Alexandra Borbely so gut gespielt hat. Sie wirkte wie eine Mischung aus Roboter, Beamtin, Elfe und tieftrauriges Reh und ich habe es gehasst, dass die tolle Figur am Ende nur ein Puzzleteil in dieser Klischeebeziehung wurde.

Alexandra Borbély als María
Laura Marling

heilige Huren und das große Geschäft

„Schrecklich wie die Mädels heutzutage rumrennen, die haben gar keinen Respekt vor sich selber.“ Diesen Satz habe ich erst letztens wieder von irgendeinem Typen in einer Berliner Kneipe gehört. Ich hätte fast gekotzt. 1. Weil es zum kotzen ist 2. Weil mir so viele Worte im Hals stecken geblieben sind.
Dieser Satz spiegelt ein Denkmuster, dem man ständig über den Weg läuft. Es ist in weiten Teilen Normalität und dieses Denken dominiert in so vielen Köpfen, ob Männer oder Frauenköpfen. Ich selber habe leider auch schon so gedacht und geredet (bitte vergib mir, jede die darunter gelitten hat! Ich war 13 oder 14 oder so!) Also Männer sagen solche Dinge und Frauen ebenfalls. (Es tut mir wirklich leid.)
Ich habe jeden falls aufgehört so zu denken, nach dem ich selber „geslutshamed“ wurde.
Ich weiß noch wie ich mit 14 Jahren oder so vorm Spiegel stand und mir in die Augen schaute. Freunde und Bekannte versicherten mir nachdrücklich ich sei eine Schlampe. Man nannte mich billig und nuttig. Ich versuchte das damals mit meinem Spiegelbild zu vereinen, das ich nie als so etwas wahrgenommen hatte.
Ich war wie gesagt 13 oder 14, war dunkelblond, hatte ein bisschen verwischten Kajal an den Augen, ein hübsches Gesicht, aber Zahnspange. Ein Pickel auf der Nase, mit viel zu hellem make-up überdeckt.
Ich halt. Eine Nutte?
Je öfter man es mir sagte, desto mehr fing ich an es zu glauben. Ich dachte irgendwann es sei, wie wenn man nicht bemerkt, dass man was zwischen den Zähnen hat. Für kurze Zeit war ich davon überzeugt eine Schlampe, eine billige Bitch und Nutte zu sein.
Weil ich auf einer Party mit mehreren Typen geflirtet hatte. Aber der Grund ist eigentlich vollkommen irrelevant. Zum Glück gab es einen sicheren Raum für mich, in dem ich all das hinterfragen konnte, das waren damals meine Eltern.
Gerade also weil das Thema ein persönliches für mich ist, gebe ich mir nun besonders Mühe bei der Zerpflückung dieser ekelhaften patriarchalen Denkmuster, die dahinter stecken.
Im Grunde möchte ich das Verhältnis von der Frau als Objekt und dem Mann als Subjekt als gedanklichen Hintergrund in diesem Slutshaming-Denken klar machen.
Die Begriffe Subjekt und Objekt verwende ich in ihrer Grundlegenden Bedeutung: Ein Objekt ist immer das was betrachtet wird, ist also von Grund auf passiv, fremd und das andere. Mit dem Objekt wird etwas gemacht, während das Subjekt etwas macht. Das Subjekt ist aktiv und betrachtet das Objekt, bewertet es oder macht alles mögliche mit ihm. Eigentlich wie das Subjekt und das Objekt in der Grammatik. Da Männer im öffentlichen Leben nun mal seit Ewigkeiten und bis heute (natürlich in verschiedenen Teilen der Welt sehr verschieden ausgeprägt) viel präsenter sind als Frauen, hat sich ein männlicher Blick als die Normalität eingestellt. Besonders anschaulich (haha) ist das Problem mit dem männlichen Blick in der Filmbrange. 85% der 580 im Bundesverband Regie (BVR) registrierten Regisseurinnen sind Männer. (aus: Wo sind eigentlich die Regisseurinnen? von Tagesspiegel.de vom 14.02.2016)
Nicht besser sieht es im internationalen Filmbusiness aus. Laut einer Studie der Annenberg School for Communication and Journalism an der Univeristy of Southern California, Los Angeles, waren nur 3,3% der Regisseur*innen Frauen, von den 1223 in der Studie berücksichtigten Regisseur*innen. Die Studie untersuchte das Geschlechterverhätnis rund um die 100 erfolgreichsten Filme von den Jahren 2007 bis 2017.
Ein bisschen besser sieht es im aktuellen Bundestag aus, in dem 31% Frauen sitzen, aber gleich ist das Verhältnis auch dort noch lange nicht.
Das Muster der ungleichen Machtverteilung zieht sich durch die ganze Gesellschaft, zieht sich über die ganze Welt wie ein klebriger Kaugummi. Es setzt sich in Gesetzen fest, findet Ausdruck in Mehrheitsverhältnissen von Regierungen, in Verteilungen von Professuren, in Gehaltsunterschieden. Außerdem in Gewalt und Abhängigkeit in unseren vermeintlich so individuellen Liebesbeziehungen.
Diese Dominanz der Männer nenne ich ganz klassisch Patriarchat. Das Patriarchat ist kein Hirngespinst, kein herbei theoretisiertes Etwas. Es ist eine Machtverteilung mit dem Aufhänger des Geschlechts. Wäre das Geschlecht niemals als relevanter Unterschied fest gestellt worden, vielleicht hätte sich eine Machtungleichheit aufgrund von Haarfarbe, Haarlänge, Nasenform eingestellt?
Ein Hauptmerkmal des Patriarchats ist, dass die männliche Perspektive die Dominante ist, die relevante, die, welche die weibliche Perspektive verschluckt, in dem sie Frauen automatisch nur von Außen sieht, also als Objekt. Je mehr die Frau in der Öffentlichkeit beschrieben wird, betrachtet wird und als das andere auf die Bildfläche tritt, desto weniger existiert dieser öffentliche Raum für ihre Subjekthaftigkeit.
Die Frau als Objekt hat auch bestimmte Eigenschaften, die aber wie ein Aufkleber von Außen kommen und nicht aus ihr selbst entspringen. Denn wie soll das auch passieren, wenn im großen Stil über die Frau geredet wird, viel mehr als dass sie selber redet?
Diese aufgeklebten Eigenschaften können sowas sein wie: heiß, hübsch, sexy. Oder auch hässlich, fett, unsexy.
Wehrt die Frau sich aktiv gegen den patriarchalen Blick, kann sie schnell mit typischen Kategorien abgewertet werden. Zum Beispiel als hysterisch (Hysterie: eine „Krankheit“ die Platon auf die Unbefriedigtheit der Frau zurückführte. Die Gebärmutter wandere hier zum Hirn hinauf und setze sich daran fest.)
Als weiterer Automatismus neben der Abwertung wird die Frau belohnt, wenn sie sich klassisch weiblich verhält. Das heißt in vorauseilendem Gehorsam ihre Objekthaftigkeit lebt und damit automatisch einhergehend, ihre Subjekthaftigkeit verschluckt. Also ihre Wünsche, Ansprüche und Bedürfnisse, eben alles was aus ihr selber kommt.
Als typische Version dessen könnte man ein stilles Mädchen betrachten, eins das es jedem recht machen will und so wenig wie möglich anecken will.
Was ich in diesem Text jetzt aber zeigen will, ist die Frau als ein Objekt in unserem Verwertungssystem. Die Frau ist im patriarchalen Verhältnis nicht nur Objekt, sondern sie ist Objekt auf einem Markt, und das ist keine Abstraktion, das ist total real.
Am faust-auf-den-Tisch mäßigsten sind die geschätzten Zahlen zu Prostitution, also hier:
In Deutschland soll es laut hochgerechneten repräsentativen Umfragen und laut Einschätzungen der Prostituierten Organisation Hydra zwischen 200.000-400.000 Prostituierte geben, von denen circa 95% Frauen sein müssen.
Leider gibt es keine wirklich belastbaren Zahlen, da die Erhebung der Daten sehr schwierig ist. Aber was allen sehr klar ist, ist: Es sind viele Prostituierte, und es sind meistens Frauen.
Diese Frauen sind nicht einfach so Prostituierte geworden, sie sind nicht vom Himmel gefallen, sie leben in der gleichen Welt wie du und ich und sie sind ein Symptom der selbigen Welt, sie sind ein Ergebnis dieser weltweiten Schieflage von Macht, die durch diese Universalität eine schwer zu durchbrechende Normalität darstellt. Diese Norm der Ungleichheit zeigt sich in Indien, wenn Frauen kaum alleine auf die Straße gehen können, wenn dort weibliche Föten abgetrieben werden. Sie zeigt sich in Argentinien und Alabama, wo Abtreibungen verboten sind. In Somalia wo weibliche Genitalverstümmlung gang und gäbe ist, in islamischen Diktaturen in denen Frauen wie lebende Gespenster herumlaufen müssen (ein Gespenst ist körperlos und unsichtbar) und in der Schweiz wo bis 1971 Frauen nicht wählen durften, in Deutschland wo die Frau bis 1977 den Mann um Erlaubnis bitten musste um zu Arbeiten, und wo bis 1997 Vergewaltigung in der Ehe kein Strafbestand war. Es zeigt sich in der Pornoindustrie, in der Prostitution und in Kinderehen.

Die Frau, die objektifiziert wird, ist kein Hirngespinst und auch nicht, dass Objekte gekauft werden können. Im Mainstream Jargon findet sich häufig die Kategorie einer billigen Frau bzw. der ehrenwerten, guten Frau. Mal muss viel investiert werden und manchmal wenig. Mal macht das patriarchale Denken die Frau „billig“ und mal teuer. Aber eins nach dem anderen. Ich fange mit der „billigen Frau“ an.
Man findet sie in weltbekannter Musik, im ganzen Genre des Hip Hops, eine billige Hoe die Schwänze lutscht, man findet sie in Filmen und immer wieder und vor allen Dingen in unzähligen Köpfen.
Der ganz oben aufgeführte Satz (Achtung ich wiederhole) „Schrecklich wie die Mädels heutzutage rumrennen, die haben gar keinen Respekt vor sich selber.“
Ist erstmal offensichtlich kein Appell dafür, dass Frauen mehr Respekt vor sich selber haben sollten. Dem ich natürlich zustimme würde, auch wenn man Ursache und Wirkung nicht verwechseln sollte. Alle sollten mehr Respekt vor Frauen haben und der Part von Frauen dabei müsste sein, verinnerlichten Disrespekt zu überwinden. Etwas anderes bleibt Frau gar nicht übrig, wenn sie ein schönes Leben haben möchte. (Frauen müssen für sich selber kämpfen, denn die Männer werden es nicht tun. Frauen müssen für sich sprechen, denn sonst wird es niemand tun. Das ist das Wesen von Selbstermächtigung und man kann es durch nichts ersetzen. Manche Frauen finden, das ist nicht fair und aus Solidarität sollten auch Männer sich für Frauen stark machen. Reflektierte, intelligente und mutige Männer. Aber auf die darf man sich nicht verlassen, auf männliche Solidarität kann man sich nicht verlassen. Denn wenn man es könnte, dann gäbe es ja gar kein Problem. Herrschaft ist nicht nett und deshalb sollten die Frauen es auch nicht mehr sein! Allen voran Ich, denn ich bin normalerweise immer richtig nett, du verfickte Sau, du dummes Arschloch.)
Also um es fest zu halten: Ja, jeder sollte Respekt vor Frauen haben. Frauen wie auch Männer sollten Frauen als willensstarke Subjekte wahrnehmen, das wäre die Lösung, dann wäre alles toll und gut. Aber hinter diesem Beispielsatz steckt nicht der Wunsch, dass Frauen verinnerlichten Disrespekt ablegen sollten und sich selbst vom männlichen, wertenden Blick befreien sollten, sondern was dahinter steht, ist der Wunsch, dass Frauen wieder mehr Respekt vor Männern haben sollten.
Dass sie nicht so rumvögeln sollen, nicht so aufreizend sein sollen, dass sie sich sexuelle Bestätigung (denn das ist anscheinend alles woraus die weibliche Sexualität besteht) bitte nicht bei so vielen unterschiedlichen Männern holen sollen. Das ist auch der Grund, warum Männer sich von einer „billigen Hure/Schlampe/Nutte/Bitch/Slut/Hoe“ (Hui davon gibts echt viele Versionen!) disrespektiert fühlen. Denn eine Frau, die mit vielen schläft, ist nicht angewiesen auf den einen Mann. Doch dass die Frau das aus Lust an Männern macht ist sowieso keine Möglichkeit, sondern die einzige Erklärung ist, dass sie es tut um sexuelle Bestätigung zu erlangen (Achtung: objektifizierende, männliche Perspektive wird vorausgesetzt.) Die billige Frau lässt sich also von vielen „nehmen“, was ihren Wert als Ware, als erwerbbares Objekt senkt. (Viel Angebot senkt den Preis einer Ware und Preis und Wert sind ja eh synonym im kapitalistischen Denken. Achja und man beachte die Passivität des „nehmen lassens“)
Der Wert der Ware Frau sinkt also, wenn sie viel zu Verfügung steht aber gleichzeitig disrespektiert sie ihre Investoren, denn sie lässt sich nicht besitzen. Jedenfalls nicht von einem einzelnen Mann. Sie disrespektiert die Investoren, die sie ganz für sich alleine haben wollen. Die sogar extra den teureren Drink ausgeben haben. Die als billig verurteilte Frau kann tatsächlich in das Muster der „billigen Frau“ passen, aber das ist gar nicht notwendig um in die Kategorie gesteckt zu werden.
Ja, sie kann wirklich nach Aufmerksamkeit heischend sein, da sie auf der Suche nach dem bestätigenden, männlichen Blick ist, der ihr ihren Wert zuspricht. Sie kann tatsächlich in Innerer Konkurrenz mit anderen Frauen leben und sich selber als das Objekt wahrnehmen, das zu sein ihr ständig unbewusst eingetrichtert wird. Sie kann also den männlichen Blick internalisiert haben. Wenn das der Fall ist, dann respektiert sie sich tatsächlich nicht. (Und dann wäre es vielleicht hilfreich und stärkend für sie, das zu überwinden.)
Aber es kann auch sein, dass sie bereits stark ist, Bock auf heiße Männer hat und sich nimmt was sie möchte. Beides sehr schlimm für den standard sexistischen Mann, denn er verliert Kontrolle über die Frau. Sowohl über die promiskuitive, die tut was sie wirklich will, als auch über die promiskuitive, die den männlichen Blick internalisiert Hat und nur nach sexueller Bestätigung sucht und dabei auch offensichtlich wahllos ist.
Die „billige Frau“, die den männlichen Blick internalisiert hat ist abhängig von vielen Männern, vom männlichen Blick an sich und den findet sie an jeder Ecke.
Damit tritt sie dem Standard Arsch auf den Schlips, denn er will die Ware nur für sich. Der Widerspruch ist, sie tritt ihm auf den Schlips obwohl sie immer noch abhängig ist. Aber nicht von ihm- dem einen Investor, sondern von Männern an sich. Männern die ihr bestätigen wie gut sexuell verwertbar sie doch ist.
Die als billig verurteilte Frau, die hingegen starkes Subjekt ist, tritt dem standard sexistischen Mann mit ihrem Verhalten doppelt in den Arsch. Sie ist in sexistischen Augen immer noch billig und eine Schlampe, denn keiner versteht was wirklich vor sich geht: Sie bewertet Männer nach ihrem weiblichen Blick, sie folgt ihrer Lust, objektifiziert Männer und setzt ihre Perspektive ganz schamlos in die Welt. Doch in der Normalität von Frauen als Objekten, die erstanden werden müssen und dann den Käufer schmücken wie ein scheiß Auto oder so, ist das nicht angemessen kategorisierbar. Also ist sie automatisch eine Schlampe, eine Hure. Eine Dorfmatratze. (lustigste Version!!)
Also das Subjektsein der starken Frau wird nicht als solches erkannt, sondern das Subjekt wird in eine Kategorie gestopft, die Frauen nur als Objekte kennt, sie entspringt dem männlichen Blick, der schon so lange der dominante ist.
Nun will ich noch kurz das scheinbare Gegenstück zur „billigen Frau“ darstellen. Die teure, heilige, reine, gute Frau. Sie ist ein passives Objekt, hat ihren Objektstatus internalisiert, genau wie die „billige Frau“ welche nach Bestätigung sucht. Aber sie tritt den Sexisten leider nicht mal ein ein bisschen auf die Füße. Denn sie hat sich trotz ihrer Passivität etwas bewahrt, das sie zu einer potentiell treuen und gleichzeitig wertvollen Ware macht.
Sie hat sich das „Nein“ als Instrument bewahrt. Damit kann sie sehr effektiv ihren Wert steigern, denn wenn sie schwer zu haben ist, muss der Mann viel investieren, sie ist somit teurer und nach kapitalistischer Logik deshalb auch wieder mehr wert.
Es gibt viel Nachfrage, doch die heilige, gute Frau gibt sich nicht so leicht her, das Angebot ist also klein und die Nachfrage groß. Je konsequenter sie das durchzieht desto reiner ist sie und kann sich an ihrer Illusion von Kontrolle benebeln, doch ihre Entscheidungen sind zwanghaft und erfüllen nur den Zweck ihren Preis zu steigern. (Daher dann auch das gefährliche Denken von: „Nein heißt ich muss mehr investieren, Nein heißt nur noch nicht ja.“) Eine andere Handlungsoption für sie außer ihrem „Nein“ ist die, Konkurrentinnen abzuwerten. Andere Frauen seien billig, sie hingegen sei „nicht so eine“.
Die „heilige Frau“ wird also auch noch zur aktiven Komplizin in dieser Unterdrückung der weiblichen Sexualität.
Doch auch die „billigen Frauen“ greifen auf diese Strategie zurück, der Übergang von teuer zu billig ist sowieso immer fließend und immer nur relativ zu einer anderen Frau. Man kann also als Frau auch beides gleichzeitig sein oder zwischen den Polen schwanken, es kommt immer auf die Vergleiche an, die die Frauen oder die Männer in der Umgebung ziehen. Es reicht von der Reinheit der jungfräulichen Ehe bis zu der Heiligkeit erst nach dem zweiten drink mit ihm ins Bett zu gehen. Aber tendenziell macht die „gute, heilige Frau“ ihren Wert eher davon abhängig, ob der Mann, den sie „ranlässt“ viel investiert. (Man beachte wieder die Passivität des Wortes) Sie setzt auf Qualität statt auf Quantität, der männliche Blick von dem sie abhängig ist, ist personalisierter als bei der „billigen Frau“, sie ist nicht promiskuitiv sondern monogam und noch eine „richtige, ehrenwerte Frau“.
Auch wenn billig und teuer nur in Relation zueinander existieren, gibt es vielleicht doch eine Frau, die diesen Wettbewerb tatsächlich gewonnen hat. Die man als absolut wertvoll bezeichnen kann! Die ewige Jungfrau, die heilige Mutter Gottes, die unbeschmutzte und einzigartig unbefleckte Mutter Maria! Moralisch einwandfrei empfing sie sogar noch einen Sohn und gebar diesen heiligsten Heiland der Welt, der wohl am wenigsten Hurensohn von allen Männern war, die jemals existierten. Toll.
Aber noch mal Klartext: Ob nach zwei Drinks oder 2 Jahren, nichts von beidem ist heiliger oder ehrenwerter als das andere! Nichts ist billiger oder teurer, denn diese Kategorien sind an sich falsch, weil Menschen keine Waren sind, weil Frauen keine Objekte sind.
Eine Frau kann nicht billig sein, sie kann nicht teuer sein, denn das sind die Beschreibungen für ein kaufbares Objekt. Sie beschreiben ein Subjekt, eine Frau niemals im Kern. Im Kern kann sie immer nur beschrieben werden durch das was sie möchte, was sie denkt, was sie ist. Entweder möchte sie es nach 10 Jahren oder 10 Sekunden oder nach 3 Stunden oder 3 Dates oder auch niemals. Oder vielleicht auch jederzeit und überall.
Auf der Wasserrutsche, im Park oder im Auto, am Strand, im warmen Bett oder auf der Couch. Laut, dominant und aktiv, aufgeregt, albern und wild. Oder still, schüchtern und aufmerksam. Verliebt, genießerisch oder einfach nur geil, aber bitte niemals allein gelassen oder vergessen, übergangen, benutzt, ignoriert oder vergewaltigt.
Nach all der kalten Analyse will ich aber noch was loswerden: Um verzwickte Machtverhältnisse zu analysieren sind manchmal vielleicht wirklich alle Schubladen zu groß. Ist eine Prostituierten immer unemanzipiert? Nach dieser Analyse schon. Nur in der Realität kann so etwas auch ganz anders aussehen. Was ist mit einer Frau, die es liebt objektifiziert zu werden? Dann ist sie auf einer grundlegenden Ebene natürlich Objekt, doch sie ist auch Subjekt.
Aber Feminismus sollte auch mutig genug sein zu sagen: nur weil eine Frau etwas aktiv tut, heißt das noch nicht, dass es automatisch emanzipiert ist. Damit widerspreche ich einem modischen Zug des heutigen Feminismus, der manchmal Unterordnung als individuelle und emanzipierte Entscheidung ansieht. Aber für mich geht es viel mehr darum Unterdrückung und Unterordnung zu erkennen, wo sie existieren, aber sie dabei nicht abzuwerten.
Ich möchte mit dieser Analyse aber auch nicht sagen, dass eine Frau eine schlechte Feministin Ist, wenn sie den altbekannten Mustern folgt. Feminismus ist kein Zwang, keine Regel, soll kein weiterer Bewertungsmaßstab sein.
Er ist persönlich und kann eine Hilfe sein für Frauen und Mädchen. Das ist auch schon der ganze Sinn und Zweck. Er soll Mädchen und Frauen helfen können.
Prinzipien sind immer nur schwarz und weiß und deshalb können sie nie ganz die Komplexität von Menschen erfassen. Aber Feminismus ist ein Gedankengerüst das helfen kann aus einer Normalität herauszuklettern die auf einer grundlegenden Schieflage basiert, auch wenn man (Frau) das nicht unbedingt merkt. Erst wenn man (Frau) auf der Schieflage ausrutscht und es sich nicht seinen eigenen ungeschickten Füßen zuschreibt, fängt man vielleicht an sich zu wundern auf welchem Boden man sich befindet. Ich bin das erste mal ausgerutscht mit 14 als ich heulend zu meinen Eltern rannte und sie mir sagten: „Schlampen? Die gibt’s doch gar nicht. „