Frauenhass im Inkognitomodus

Triggerwarnung: Dieser Text enthält teils explizite Beschreibungen s**ueller Gewalt und ihren psychischen Folgen. Wenn du selbst Erfahrungen damit gemacht hast, überlege dir gut, ob und warum du dich mit dem Thema beschäftigen willst und ob du mit den Gefühlen umgehen kannst, die eventuell in dir aufkommen.

Werden Frauen auf dieser Welt gehasst?
Außer FeministInnen, werden diese Frage die wenigsten so einfach mit Ja beantworten.
Das sei „kompliziert“ „uneindeutig“ Frauen „seien einfach so“ „Mädchen mögen halt pink“ „Frauen kochen eben gerne“.
Uns ist allen klar, dass Geschlechterstereotype mit Frauenhass zusammenhängen. Aber Diskussionen über Geschlechterstereotype können das Thema Feminismus als ein akademisches Feld aus Meinungsverschiedenheiten, Grautönen und Uneindeutigkeiten erscheinen lassen. Aber das ist Feminismus nicht. Feminismus ist ein Lebenszeichen von Frauen, die in dieser Gesellschaft systematisch zu halb toten Menschen erzogen werden. Die durch Gewalt und konsistente Grenzüberschreitungen in einem Zustand der kollektiven Lähmung leben. Die sich selbst abtöten, um in diesem System ihren „Frieden“ zu finden.
Die weibliche Lähmung drückt sich zum Beispiel darin aus, dass wir als weiblicher Teil der Gesellschaft über das ekelhafteste Verbrechen, das uns im digitalen Zeitalter angetan wird, größtenteils schweigen.
Unsere Sexualität wird systematisch unterdrückt, durch eine Pornoindustrie, die Frauen zu Sklavinnen männlicher Zerstörungswut macht. Pornoseiten gehören zu den am meisten angeklickten Websites auf der ganzen Welt.
Sie sind ein offenes Geheimnis, sie sind der Dreck, den man als Gesellschaft liebend gerne unter den Teppich kehrt. Deshalb möchte ich den Dreck jetzt mal ein wenig hervorholen.
Für einen ersten groben Überblick:
In einer Studie aus dem Jahre 2006 „Aggression and sexual behavior in best-selling pornography: A content analysis update“ untersuchte eine Arbeitsgruppe um die amerikanischen Medienwissenschaftler Robert Wosnitzer, Erica Scharrer und Ana Bridges die Darstellung von Gewalt, Erniedrigung und Sexualverhalten in den beliebtesten pornografischen Mainstream-Videos. 88,2 % aller untersuchten Szenen stellten physische Aggression dar, wobei die häufigsten Gewaltakte Spanking (Hinternversohlen: 35,7 %), Gagging (Würgen: 27,7 %) und Open-hand slapping (Schläge mit offener Hand: 14,9 %) waren. Verbale Aggression, insbesondere Beschimpfungen, war in 48 % aller untersuchten Szenen vorhanden. 94 % aller Gewalthandlungen – sowohl physischer als auch verbaler Natur – waren gegen Frauen gerichtet. In vier Prozent der Fälle waren Männer Opfer von aggressiven Handlungen durch Frauen und 0,6 % von Gewaltakten durch Männer. 95,2 % der Opfer reagierten neutral oder mit Äußerungen des Vergnügens, wobei Männer im Vergleich zu Frauen viermal häufiger mit Missfallen reagierten, wenn Gewalthandlungen gegen sie gerichtet waren. Doch diese Studie ist aus dem Jahr 2006.
Wie sieht das heute aus? Im Jahr 2021?
Achtung, jetzt wird es unangenehm:
Ich beschreibe das folgende nicht, um selber voyeuristisch zu sein, sondern ich möchte die gewaltvolle Realität von Pornos aus dem Kontext der sexuellen Erregung holen. Damit hole ich sie an die Oberfläche unserer Gesellschaft, dorthin wo wir schwesterlich und brüderlich angeblich Grundprinzipien von menschlicher Würde und Wert vertreten.
„Pornogrund“ ist die erste Website, die man findet, wenn man nach dem Wort „Porno“ googelt (Abgerufen am 14.01.2021).
Auf der Startseite der Website finden sich folgende Kategorien, natürlich mit entsprechenden Cover-Bildchen:
„Schulmädchen“- Auf diesem Cover sieht man drei undefinierbar junge Frauen, die die Beine für einen Mann breit machen.
„Großer Arsch“- Man sieht wie eine ganze Hand in den Hintern einer Frau geschoben wird.
„Gangbang“- Drei Männer ficken eine Frau.
„Folter“- Eine Frau ist auf einem Tisch festgebunden, sie weint.
„BDSM“- Eine gefesselte Frau gibt einen Blowjob.
„Bestrafung“- Eine Frau ist auf irgendeiner Oberfläche festgebunden.
„Alter Mann“- ein alter Mann sabbert die Brüste eines undefinierbar jungen Mädchens voll.
„Vater und Tochter“- ein alter Mann fickt ein undefinierbar junges Mädchen.
„Teen“- Man sieht einen alten Mann, auf dessen Schoß ein undefinierbar junges Mädchen sitzt.
„Gefesselt“- Eine gefesselte Frau wird gegen einen Spind gedrückt und gefickt.
„Devot“- eine junge Frau steht irgendeiner tatschenden Hand zur Verfügung.
Weitere Kategorien sind: Dienstmädchen, Extrem, Harter Schmerz, Erniedrigung.
Das was ich persönlich fast am schlimmsten finde kommt jetzt:
„Erstes Mal“- auf dem Cover sieht man einen mit Blut verschmierten Penis.

Ich frage mich, wessen Blut das ist. Ich frage mich, ob es sehr weh getan hat und ich frage mich, ob sie danach irgendwo hingehen konnte. Ob sie duschen konnte und ob sie einen Ort hatte, wo man mit ihr gesprochen hat. Ob sie darüber sprechen konnte? Ob sie schlafen konnte?

Der Pornodreck, der das Internet geflutet hat, beschämt uns zutiefst. Gleichzeitig ist er ein großer Teil unserer Gesellschaft. PornHub hat so viele Klickzahlen wie der Internetriese Amazon.
Es ist ein offenes Geheimnis, über das man besser schweigt. Ein Kulturgut das uns alle angeht- ein millionenfacher Massenmissbrauch auf Video. Festgehalten in der ewigen Dauerschleife des Internets. Hier werden Frauen im wahrsten Sinne des Wortes zu Sklavinnen gemacht- zu ultimativen Objekten, in der sogar ihr realer Tod sie nicht mehr davor retten kann, vor und von den Augen der Weltöffentlichkeit weiter benutzt zu werden.

Mainstream-Pornografie ist ein kollektiver Verrat an Frauen als menschliche Wesen. An Frauen als Freundinnen, Klassenkameradinnen, Schwestern, Müttern, Omas, Tanten, Mitstudierenden oder Kolleginnen.
Mädchen und Frauen werden massenweise und weltweit alleingelassen. Mit Männern in Schlafzimmern, in einer Männerwelt, in der jede Wand, die man umstößt, doch nur die nächste Mauer aus männlichen Definitionen bedeutet. Eine Welt, in der Frauen kein Zentrum in sich haben, das ihnen erlauben würde eine eigene Sexualität zu entwickeln, die nicht komplett an dem Schwanz des Gegenübers ausgerichtet ist. Frauen brauchen ein Zentrum in sich, in dem das Kritisieren von Pornografie kein spießiger Altfrauen Feminismus ist. Sondern eine selbstverständliche Reaktion auf Menschenverachtendes, massenweises masturbieren auf das Leid von Frauen und Mädchen (!)
Wir müssen auf einer Welt bestehen, in der das Gefühl von Unwohlsein in uns Frauen dieselbe Existenzberechtigung hat, wie ein Mann, der Kritik an Pornografie einfach weglachen kann.
Der sich durch den selbstverständlichen Ton in seiner Stimme auf eine Normalität beziehen kann, die Frauen niemals aktiv als ganze Menschen mitgestaltet haben.
Mit ein wenig Spott über realitätsferne Gefühlsausbrüche, können Männer eine „Objektivität“ herstellen, die nichts als ein Haufen Frauenverachtender, Menschenverachtender (die Worte scheinen oft nicht dieselbe Wirkung zu haben) dreckiger Scheiße ist.
Die Leichtigkeit, mit der ein Mann die berechtigten Gefühle einer Frau beiseite wischen kann ist erschreckend und ein Zeichen dafür, wie groß die Schlucht zwischen unserem heutigen Zustand und wirklicher Gleichheit tatsächlich ist.
Wir machen als Frauen kollektiv die Erfahrung, nicht ernst genommen zu werden, wenn wir Frauenfeindlichkeit zu Sprache bringen. Als seien wir hypersensibel und als hätten wir bloß irrationale Frauenprobleme. Doch wir haben keine Frauenprobleme- Frauenprobleme sind keine Frauenprobleme. Es gab sie nie. Wir haben Probleme damit, wenn Männer uns wie Dreck behandeln.
Es ist wie ein ewiges Missverständnis, wenn wir Männern begegnen. Dieses kleine Missverständnis, das wir geradebiegen müssen: „Hey, ich bin ein Mensch und kein Stück Dreck. Ich bin ein Mensch und kein Mittel zu deinem Zweck. Ich bin ein Mensch und nicht ein Medium, durch das du dich befriedigen kannst.“ Wir haben keine Frauenprobleme. Wir haben Männerprobleme. Denn Männer haben Probleme mit uns Frauen und schieben es dann uns in die Schuhe. Und wir schieben es uns auch noch selbst in die Schuhe, bis wir nicht mehr in unseren eigenen Schuhen laufen können. Männer haben Probleme Mit Frauenkörpern, die sie vielleicht deshalb zerstören müssen, weil sie so gruselig warm und lebendig sind. Frauenprobleme spiegeln immer nur die Probleme, die Männer einer gewissen Epoche und eines gewissen Kulturraums mit „ihren“ Frauen haben. Ein geschicktes Umdrehen des Verhältnisses erschafft wieder einmal das Bild des ewig irrationalen übersensibelen Mädchens, das sich das Leben nur selbst schwer macht.
Doch das ist eine Lüge. Es ist eine Geschichte, die Männer erzählen, um Frauen zum Schweigen zu bringen, oder wenigstens um die Worte, die Frauen sagen, nicht ernst nehmen zu müssen. Auf was für eine Art und Weise muss eine Frau, muss ein Mädchen sprechen, damit sie gehört wird? Zeigt sie Gefühle, ist sie hysterisch. Zeigt sie keine, ist das Thema akademisches Geschwafel. Was bleibt Frauen noch übrig, als zu schweigen? Oder zu schreien?
Wie sehr kann Deutschland ein Mädchen hassen, dass es kollektiv auf ihr Blut masturbiert?
Was hat dieses Mädchen getan, um das zu verdienen?
Wer ist sie? Wo ist sie? Wo ist die Gesellschaft, die diese Gewalt als eine spezifische Form der Gewalt anerkennt? Die ihr den Schutz aus Worten und aus Anerkennung geben könnte, der essenziell wäre, für ihre körperliche und psychische Unversehrtheit? Hätte es diesen Schutz aus frauen-freundlichen Worten und Konzepten für sie gegeben, hätte sie das mitnehmen können auf ihren Weg! Wie einen Regenschirm auf den Weg zur Schule. Hätte sie Frauenfreundlichkeit mit auf den Weg bekommen, wäre sie wahrscheinlich nicht in einem Porno gelandet, in dem der Mann ihr Blut wie eine Trophäe der ganzen Welt zur Schau stellt. Die traurige Wahrheit ist: unsere Gesellschaft bietet keinen Schutz für Mädchen und Frauen. Sie bietet keine Regenschirme aus Ideen von inhärentem weiblichen Wert. Wenn du als Frau oder Mädchen ein Selbstbewusstsein in dieser Gesellschaft hast, dann nicht weil du eine Frau oder ein Mädchen bist, sondern trotzdem.
Warum wird dieses Mädchen so verachtet?

Andrea Dworkin, Radikalfeministin und von den 70er Jahren bis in die frühen 2000er unter anderem als Schriftstellerin sehr aktiv, hatte darauf eine eindeutige Antwort.
In Ihrer Rede „Woman hating right and left“ aus dem Jahr 1987 sagte sie:
„Es gibt nur einen Grund [für Gewalt an Frauen] und dieser Grund ist, dass wir Frauen sind. (…)
Du kannst auf dieser Welt alles tun um eine sogenannte „gute Frau“ zu sein. Wenn du aber in deinem privaten Haushalt mit deinem privaten Ehemann lebst (…) und dieser Mann anfängt dich zu schlagen, dann schlägt er dich, weil du schlecht bist. Die Prämisse, die dieser Gesellschaft zugrunde liegt, ist die, dass (…) Frauen schlecht sind.
Dass wir eine schlechte Natur haben und dass wir es verdient haben, bestraft zu werden. Wir können sehen, wie sich das in Institutionen manifestiert, aber ich fordere euch auf, es mit Pornografie in Verbindung zu setzen. Denn in der Pornografie gibt es nichts, das einer Frau angetan werden kann, das sie jemals genug dafür bestrafen könnte, dass sie eine Frau ist. Die zugrunde liegende Natur ihrer Existenz sei, dass sie sexuelle Befriedigung aus ihrer Bestrafung erlange. Du musst in dieser Welt nicht danach fragen ein „böses Mädchen“ zu sein. Wenn du unter männlicher Vorherrschaft lebst, dann bist du immer ein „böses Mädchen“. Denn das was hassenswert in dir ist, es wird beschrieben als etwas das in dir steckt, ist der Grund, den Männer haben, dich zu verletzen. Ein Mann, der Gewalt an einer Frau ausübt, sagt niemals: „Ich schlage ein menschliches Wesen und ich verletze dieses menschliche Wesen.“ Dieser Mann sagt: „Ich bestrafe eine Schlampe. Ich bestrafe eine Hure.“
Frauenhass funktioniert wie ein gesellschaftlicher Fluch. Eine Selbsterfüllende Prophezeiung, ein sinnloser Blutrausch, ein sinnloser sich selbst verstärkender Exzess, der nichts als Zerstörung bereitet. Zerstörung und eine pervertierte Art der Lebensfreude. Zerstörungsfreude.
Frauenhass ist in allen Gesellschaften dieser Welt manifestiert. In Form von Pornografie, Prostitution, Verschleierung, Genitalverstümmelung, Vergewaltigung, Femiziden und Missbrauch.
Doch die Gründe für den Hass werden immer in der Frau lokalisiert. Als sei nicht der Hass auf sie ein Fluch, sondern als trage sie den Fluch in sich, als habe sie den Hass in ihrem Gegenüber zu verantworten. Männlicher Hass wird im Körper der Frau bekämpft- durch ihre Widerstandskraft überlebt er.
Ein logischer Gedanke wäre, dass man durch weibliche Selbstaufgabe diesem Hass entfliehen könne. Aber oh Gott, bitte nicht! Das ist natürlich eine Sackgasse!
Doch wie kann es sein, dass unsere Gesellschaft so extrem Frauenverachtend ist, obwohl sie zur Hälfte aus Frauen besteht?
Wenn man an die tausend kleinen Erniedrigungen denkt, denen eine Frau in einem Mainstream Porno innerhalb von kürzester Zeit ausgesetzt ist, dann könnte man anfangen zu denken, eine Frau hätte so etwas wie einen bestimmten Filter in sich, der das alles für sie erträglich mache. So etwas, wie einen Frauenfilter. In der Haut oder im Herzen, durch den sie die Gemeinheit der Berührungen, die subtilen Erniedrigungen wie ein Trampolin einfach abfedern würde. Doch dieser Filter, dieser Schutz existiert nicht. So etwas hat nie existiert. Frauen und Mädchen geraten kollektiv in Situationen der Erniedrigung, weil wir in einem Patriarchat nie zu ganzen Personen herangewachsen sind. Eine weibliche Teenager Zeit besteht daraus, sich schön zu machen. Anstatt einfach nur zu sein- und wer uns schön findet, hat Glück.
Das Ausmaß des ganzen Problems ist so immens, dass die Grenzen von weiblicher Selbstzerstörung und männlichem Frauenhass schon lange tief ineinander verschmolzen sind. So tief wie millionenfacher Deep Throat,
so zerstörerisch wie die Folterung einer Frau unter den Augen der Weltöffentlichkeit.
Gerade weil die Grenzen von weiblichem Selbsthass und männlicher Frauenverachtung so tief verwoben sind, brauchen wir einen mutigen und starken Feminismus. Eine Opposition der Frauenliebe, die an den Wert eines Mädchens glaubt, wenn es sonst niemand tut. Eine Opposition, die sich nicht davon abbringen lässt, dass die Freiheit eines Mädchens niemals in ihrer Erniedrigung, in ihrem Schmerz oder ihrer Selbstaufgabe liegen kann.

Doch das mit der Folterung, ist das nicht alles ein Spiel? Kann man da wirklich von Folter reden? Spiele sind doch nicht ernst gemeint und spiele sind außerdem fair!
Diese Frage nach dem Spiel bei der Pornografie ist extrem vielschichtig, weshalb in der Diskussion über Pornografie verschiedene Ebenen häufig durcheinander geworfen werden, oder gar nicht erst betrachtet werden und am Ende sagen Leute „PorYes“ während junge Frauen, öffentlich zur Schau gestellt, an Schwänzen in der Kehle fast ersticken.
Und dann lächeln.
Ich finde die Antworten auf die Frage, ob Pornografie, so wie sie in unserer Gesellschaft gelebt wird, ein Spiel ist, durchgehend sehr eindeutig.
Wir müssen das Problem auf mehreren Ebenen analysieren:
Erstens: Welche Art von „Spiel“ wird gespielt?
Zweitens: Was ist die globale Realität innerhalb derer „gespielt“ wird? Drittens: Innerhalb welcher spezifischen Realität wird „gespielt“?
Viertens: vor wessen Kamera und durch wessen Regie wird das „Spiel“ bestimmt?
Diese Fragen sind einfach zu beantworten:
Erstens: Die Handlung des „Spiels“ ist Unterdrückung, was sich in der Art und Weise zeigt, wie mit Frauen in Pornos umgegangen wird. (Haare ziehen, Schwanz so tief wie möglich in den Mund, ins Gesicht schlagen)
Es zeigt sich aber auch im buchstäblichen Höhepunkt der Handlung:
Dem männlichen Orgasmus, dessen Ergebnis dann in Form von Sperma gerne mal im Gesicht der Frau landet. Als sei das Gesicht der Frau eine erogene Zone die durch Sperma stimuliert wird- ich muss die Männerwelt enttäuschen, da müsste man woanders ansetzen.
Auch die globale Realität in welcher diese Art der Pornografie als Unterhaltungsmittel überhaupt erst entsteht, ist voll Ungleichheit. Es ist eine Realität der gesellschaftlichen Minderstellung von Frauen: Frauen haben materielle Nachteile durch die angeblich biologische Determiniertheit einer unbezahlten Mutterrolle, sowie durch eine Abwertung sozialer Berufe, die die Verlagerungen der weiblichen unbezahlten, privaten Dienerinnenrolle in eine bezahlte Dienerinnenrolle in einer Dienstleistungsgesellschaft ist.
Durch das Leben im privaten, das häufig mit finanziellen Abhängigkeiten verknüpft ist, haben wir Frauen dann wiederum eine besondere Verwundbarkeit für Missbrauch, Vergewaltigung und Abhängigkeitsbeziehungen.
Die spezifische Realität hinter den Videos ist die, dass die Darstellerinnen oft durch Menschenhandel erst in ihre Positionen geraten sind. Aber das muss absolut nicht gegeben sein, damit Frauen sich in Verstrickungen und Abhängigkeiten wiederfinden. Wir leben in einem Patriarchat, es wird keine Gewalt benötigt um Frauen auszunutzen. Das Patriarchat als System ist die Gewalt.
Die Abhängigkeiten in denen sich die weiblichen Menschen in diesen Videos gegebenenfalls befinden, können in ihrer Realität gar nicht erfasst werden, besonders nicht in der Flut von Internet Pornografie.
Das sagt uns aber etwas anderes über die Voraussetzungen des „Spiels“ der Pornografie: Internetpornografie ist sehr anonym und deshalb unkontrollierbar und nicht nachvollziehbar in seinen konkreten Entstehungsbedingungen. Internet Pornoseiten sind Kontrollfreie, Moralfreie, Kommunikationslose, anonyme, öffentliche Räume mitten unter uns. Ein gemachtes Nest für sexuellen Missbrauch, Ausbeutung und Vergewaltigung. Damit diese Räume nicht in uns entstehen, müssen wir die Wände aus Schweigen brechen.
Die letzte Ebene der Analyse, wenn wir wissen wollen ob die Pornografie auch nur im geringsten ein Spiel ist, ist die der Kameramenschen und Regisseure: Es ist keine große Überraschung, dass auch die fast durchgehend Männer sind.
Wenn also ein „Spiel“ auf dem Boden einer ungleichen Gesellschaft entsteht, gleichzeitig der Inhalt des „Spiels“ Unterdrückung ist und dieses Spiel von männlichen Regisseuren bestimmt wird, während die persönlichen Hintergründe der weiblichen Menschen, die in diesen Videos erniedrigt werden, absolut intransparent bleiben, dann ist das Wort des „Spiels“ nichts weiter als die Tarnung für eine Unterdrückungsmaschinerie. Diese ist oh wunder- eine kapitalistische Riesenmaschine in unserer zutiefst kapitalistischen Gesellschaft.
„MindGeek“ ist ein Unternehmen, das alleine im Jahr 2015 460 Millionen Euro Umsatz gemacht hat und dem die größten Internet-Porno Marken angehören. So zum Beispiel PornHub, YouPorn und die gesamte Playboy Online-Präsenz.
Wenn wir mit der Pornografie jemals ein faires Spiel haben wollen, bräuchten wir eine Welt der wirklichen Chancengleichheit, sowie in dieser Welt festgelegte und transparente Spielregeln. In solch einer Welt könnte das Spiel an sich sogar mit Macht zu tun haben, ohne unfair zu sein. Weil es dann tatsächlich ein Spiel wäre.
Neben der Ausrede des Spiels, für die Akzeptanz unseres Frauenfeindlichen Status Quo, gibt es auch die Idee, dass Pornografie nichts als Fantasie sei. Doch eine Fantasie findet niemals in der Realität statt, denn dann ist sie keine Fantasie mehr, sondern Realität und echtes Leben.
In der Art und Weise wie Pornografie heute gelebt wird und seit ihrem Aufkommen immer gelebt wurde, haben wir weder Voraussetzungen von Gleichheit, noch haben wir Regeln auf irgendeiner Ebene, noch haben wir innerhalb der Videos freie dialektische Verhandlungen darüber, was okay ist und was nicht und wir haben auch keine Transparenz darüber, was hinter der Kamera passiert.
Wir haben also Scheiße auf allen Ebenen.
Diese Scheiße ist nicht das Äquivalent sexueller Freiheit, sondern diese Scheiße ist das Äquivalent männlicher Freiheit und weiblicher Unterdrückung. In Pornografie werden männliche Fantasien ausgelebt, das heißt von Männern fantasiert und an Frauen ausgelassen.
Die Enttäuschung der Männer wäre groß, wenn eine weibliche „Freiheit“ tatsächlich mal zu einer weiblichen Freiheit werden würde, deren Endergebnis nicht ist, dass eine Frau Schwänze lutscht.
Diese Gesellschaft füttert uns Frauen mit Bildern und Geschichten, darüber wie wir angefasst zu haben werden (grob und schmerzhaft), nennt das Freiheit und wir glauben das auch noch?
Das kann nur funktionieren, weil wir als Frauen nichts anderes kennen.
Eine wirkliche weibliche Freiheit muss beinhalten, dass wir zwischen verschiedenen Optionen wählen können. Sie muss die Möglichkeit beinhalten, sich gut, kraftvoll, lebendig, sicher und unabhängig zu fühlen.

Da Pornografie wie schon erwähnt nicht in einer gleichen Gesellschaft stattfindet, noch Akte von Gleichheit darstellt und damit keine Voraussetzungen für ein faires Spiel liefert, Pornografie dabei auch vollkommen intransparent in ihren Entstehungsbedingungen ist und auf keiner Ebene statische Regeln aufweist, wage ich zu behaupten dass die Pornografie kein Spiel in dieser Gesellschaft ist. Sondern bitterer Ernst.
In der Pornografie werden Männerfantasien bittere Realitäten für Frauen.
Diese Realitäten fördern wiederum Fantasien in den Konsumierenden und dadurch wird die Pornoindustrie zu einer riesigen „Fantasiemaschine“ in dieser Gesellschaft.
Denn wir wünschen uns was wir kennen und wir kennen das, was wir uns wünschen.

Die Fantasien von Männern sind Realitäten für Frauen- das ist die Unterdrückung die innerhalb der Pornografie stattfindet und das ist die Unterdrückung die in unserer Gesellschaft stattfindet.
Wir müssen nur einmal mit gesunder Naivität darüber nachdenken, für wen Frauen sich ihre Brüste operieren lassen. Und wie sich das anfühlen muss, die Brüste aufgeschlitzt zu kriegen, nur damit da ein Plastikkissen reingestopft werden kann. Wahrscheinlich extrem schmerzhaft.
Die bittere Realität des weiblichen Menschen ist vor Allem Schmerz. Schmerz, der ihr nicht abgekauft wird. Stattdessen wird ihr verzweifelt die Hand vor den Mund gehalten durch das lächerliche Mantra ihrer emotional begründeten Subjektivität. -Obwohl Austausch das Leben an sich ist und die Grundvoraussetzung dafür ist Subjektivität.
Die weibliche Perspektive ist eine, die sich selbst relativiert und die die eigene Subjektivität anerkennt. Dadurch öffnet sie sich anderen und findet die Zugänge, die dem Mann verschlossen bleiben. Jedenfalls solange er seine Subjektivität als Objektivität begreift. Solange er sich als absolut und die Frau als relativ zu ihm begreift.

In der Pornografie werden die wichtigsten Grundvoraussetzungen weiblichen menschlichen Lebens kollektiv und andauernd angegriffen:
Und zwar unsere körperliche und psychische Unversehrtheit.
Uns wird unsere Würde in einer Welt genommen, welche wir zur Hälfte bevölkern, beleben und erleben.
Andrea Dworkin sagte zum Verhältnis von Fantasie und Pornografie:
„Menschen sprechen über Pornografie als eine Form der Fantasie. (…) Es ist Teil der Bemühungen eines Pornografen, zu verstecken, was er wirklich tut im realen Leben. Sie ermutigen Menschen das Wort „Fantasie“ zu nutzen für wirkliche Verhaltensweisen, die in Wirklichkeit passieren, in der realen Welt. Eine Fantasie ist etwas, das in deinem Kopf passiert. Sie findet nicht außerhalb deines Kopfes statt. Sobald jemand ein Szenario ausagiert, was auch immer das für eines ist, dann ist es ein realer Akt in der Welt. Es ist reales Verhalten mit realen Konsequenzen für reale Menschen. Es war ein sehr brillanter Schachzug der Pornografie-Propaganda-Kampagnen diese Industrie als eine Industrie der Fantasie zu charakterisieren. (…) Es ist die größte Beleidigung anzunehmen, dass das was realen Menschen passiert nur im Kopf der Konsumenten stattfindet.“ (Against Pornography: The Feminism of Andrea Dworkin, documentation Oct. 1991)

Das was innerhalb von Pornovideos fabriziert wird, ist nichts als gefilmte Realität. Fantasie und Spiel, als Beschreibungen für die vorherrschende Mainstream-Pornografie sind billige Ausreden des Patriarchats. Als hätte es uns nicht schon immer mit billigen Ausreden und Verantwortungsverschiebungen auf die unteren Ränge gedrückt.
Doch was ist nun mit den Konsumierenden der Pornos?
Mit der Verbreitung der Internetpornografie glich sich in den letzten Jahren das Geschlechterverhältnis derjenigen, die konsumieren stark an.
Außerdem werden die Konsumierenden im Schnitt immer jünger.
Das führt direkt zu den realen Auswirkungen der Pornografie auf diejenigen, die sie sich anschauen: Es ist nicht schwer zu erraten, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass wir uns sexuell auf bestimmte Fantasien zubewegen, wenn wir Pornografie konsumieren. Sowohl Jungs als auch Mädchen, Frauen und Männer.
Wenn der Prozess sich weiter so entwickelt, wie er es seit dem Aufkommen der Pornografie tut, dann können wir damit rechnen, dass Menschen sich mit ihren Suchtgehirnen weltweit auf immer extremere Frauenverachtung konditionieren. Bis wir es vielleicht endlich hinter uns haben. Bis diese frauenverachtende Gesellschaft endlich hat was sie eigentlich möchte:
Die Versklavung der Hälfte der Menschheit. Revolutionär.
Doch auch Sklavinnen lösen anscheinend noch Aggressionen bei Männern aus, vielleicht wegen dem Fakt, dass egal wie fest ein Mann die Fesseln einer Frau zieht, dieser weibliche Mensch immer noch nicht besessen werden kann. Denn sie besitzt so etwas wie ein zentrales Nervensystem, das unabhängig von dem eines Mannes existiert. Nervig.
Und ein Herz das schlägt, welches nur stört, wenn man nie gelernt hat ihm zuzuhören. Wegen all den nervigen Unannehmlichkeiten denen Männer im Leben mit Frauen ausgesetzt sind, könnte man vielleicht denken, eine Erlösung für den Mann läge in der massenweisen Tötung von Frauen! Neu ist das Phänomen von Femiziden jedenfalls nicht. Denn was haben sie sonst verdient? Diese dummen Drecksviecher mit dem Sperma in der Fresse?
Eine Feministin könnte nun einwerfen, dass Frauen eventuell das Gegenteil von Erniedrigung verdient haben könnten. Doch wenn man diesen nervigen Gedanken verfolgt, müssten aus ihm konsequenterweise Verhaltensänderungen resultieren.
Außerdem müsste man über Pornografie nachdenken und darüber, was das reale Verhältnis zwischen Pornokonsumierendem und der Pornoindustrie wirklich ist.
Eine konkrete Interaktion zwischen den beiden Parts ist, dass Konsumierende aktiv die Industrie unterstützen, die hinter alldem steckt. Sie finanzieren die Ausbeutung, die gezeigt wird und sie hinterlassen Datenspuren, von denen der nächste Trend abgeleitet wird.
Doch der einzige Bewertungsmaßstab für pornografische Trends ist wie bei anderen Konsumartikeln nur „mehr“ „härter“ und „extremer“.
Aber da die Menschen in den Pornos natürlich keine Waren sind- wenn wir Waren sehen wollen würden, dann würden wir uns Kondomwerbung angucken- hat das Betrachten dieses „härteren“, „extremeren“ Wahnsinns Auswirkungen auf unsere menschlichen Psychen, wie natürlich auf die Psychen derer, die vor der Kamera ficken und gefickt werden.
Der ausschlaggebende Punkt, warum die Pornografie unsere Psyche beeinflusst, ist dass wir uns mit den Darstellern und Darstellerinnen identifizieren. Das ist der ganze Trick und der ganze Zauber, der dabei stattfindet. Die Pornoindustrie ist über die Zeit ihrer Existenz immer unmenschlicher geworden und unsere Gesellschaft zerstört sich selbst, wenn wir sie nicht ändern.
Wenn wir Pornos gucken füttern wir eine Maschine die wir als patriarchale Gesellschaft selbst geschaffen und geduldet haben mit unseren reflexhaften Entscheidungen.
Diese Entscheidungen sind nichts als die letzten Reste präfrontaler, also menschlicher Regung und bestehen nur darin, welches Material wir konsumieren.
Das einzige wiederum, was die kapitalistische Maschine aus unseren sowieso schon limitierten Konsum-Entscheidungen macht, ist darauf zu schließen, dass das Material was uns jetzt schon nicht befriedigt (denn warum sonst gibt es Millionen von Videos?) noch extremer werden sollte.
Bei so viel emotionaler Dummheit von Algorithmen, die für den Zweck des Profits arbeiten, könnte man erleichtert sein. Ha! Die uns analysierende, kapitalistische Maschine wird nie an unseren wirklichen menschlichen Sehnsüchte heran kommen! Wir könnten froh darüber sein, wie schlecht die Pornoindustrie uns wirklich versteht aber nur wenn wir nicht verstehen, dass sie uns genau deswegen in unseren menschlichen Möglichkeiten betäubt, verstümmelt und lähmt. All das passiert in dieser Gesellschaft vor unseren offenen Augen, die auf Bildschirme starren, welche uns deshalb verwirren, weil sich das Internet privat anfühlt, aber öffentlich ist.
Weil es sich als Medium unreal anfühlt, aber sich hinter den Pixeln wirkliche Menschen und Geschichten verbergen.

Eine weitere Behauptung, die die Diskussion über Pornografie verunklart ist die, dass Pornos sich in ihrer Wirkung nicht von „normalen“ Filmen unterscheiden würden. Inwiefern das an sich überhaupt ein Argument für Pornografie sein soll ist mir unklar, denn die Auswirkung von Filmen auf unser Handeln ist statistisch in vielen Studien nachgewiesen worden.
Das Prinzip des sozialen Lernens beschränkt sich nicht auf Situationen, die direkt und live vor uns stattfinden.
Warum ich mir aber sicher bin, dass Pornografie eine noch viel größere und tiefere Auswirkung als andere Filme hat, ist der offensichtliche Fakt, dass Menschen in der Regel dazu masturbieren.
Wir erleben also körperliche und psychische Extremmomente in Verbindung mit diesem Material.

Ich finde es ist der logischste Gedanke überhaupt, davon auszugehen, dass durch die massenweise, unkontrollierte, verschwiegene Verbreitung von Pornografie Frauen und Mädchen Haltungen von sexueller Unterwürfigkeit und Jungs und Männer Haltungen von Brutalität entwickeln. Das auch noch ohne dass es irgendwer mitbekommt oder mitbekommen will.
Die Freiheit des Marktes, die die Pornoindustrie nutzt entspricht nicht menschlicher Freiheit und der Teppich unter dem sich dieses ganze gesellschaftliche Drama abspielt, ist ein Teppich aus Scham. Wir sollten ihn definitiv lüften.

Wenn man die Pornoindustrie als das anerkennt, was sie heute ist:
ein unhinterfragtes, frauenfeindliches, Geld generierendes System, das mit unseren tiefsten Gefühlen interagiert, dann müssen Taten an diesem System radikal sein. Auf der persönlichen wie auch politischen Ebene. Ein Weg zu mehr feministischer Radikalität kann der sein, dass wir alte feministische Ikonen wiederbeleben, damit wir den Faden des Kampfes für eine wirkliche weibliche Freiheit nicht verlieren. Die Schriftstellerin, unglaubliche Rednerin und AntiPorno Aktivistin Andrea Dworkin hat in ihrem Lebenswerk einen großen Schatz an Gedanken und Analysen hinterlassen, den wir als neue Generation von FeministInnen aufgreifen können und meiner Meinung nach aufgreifen müssen, wenn wir nicht anfangen wollen uns innerhalb der Frauenbewegung im Kreis zu drehen.

Ein Einstieg in das Thema könnte diese Doku über sie und ihre politische Arbeit als militante Feministin sein. Ich finde die Kraft dieser Frau immens und sie rüttelt mit ihren Worten an grundlegenden Schieflagen meiner weiblichen Selbst- und Fremdwahrnehmung, meiner Grundvoraussetzung für meine Handlungen, was ich extrem schätze.

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